Alltag aus – Lebensqualität an

„Zwei Wochen lang hat es sich wie Urlaub angefühlt, danach habe ich es eigentlich erst realisiert,“ verrät uns Tom Terbeck bei unserem Telefonat zu seinem sechsmonatigen Sabbatical*. Er hat sich eine bewusste Auszeit vom Arbeitsalltag genommen, um Radmomente zu erleben, die er auf diese Weise und in der Fülle sonst nie umgesetzt hätte. Touren und Events reihen sich in diesen Wochen wie an einer Perlenschnur aneinander. Vieles hat Tom im Vorfeld geplant, bleibt aber auch immer ein wenig flexibel für spontane Ausfahrten.

Tom Terbeck ist vielen von euch sicher besser bekannt als bikingtom. Auf seiner Webseite bloggt der gebürtige Essener regelmäßig über seine Biketouren – vom Ruhrgebiet über ganz Deutschland bis hin zu seinen Eindrücken in internationalen Gefilden. Auch im Gravel Podcast mit Pascal von Metagravel spricht Tom eindrucksvoll über seine Erfahrungen. Seine schönsten Touren im Pott zum Nachfahren hat er in seinem ersten Buch „Lieblingstouren Ruhrgebiet“ festgehalten. Während seiner Auszeit soll es aber über seine Heimat hinaus gehen. Die meisten Kilometer bestreitet er in Deutschland, einige Touren werden ihn auch über die Grenzen in unsere Nachbarländer locken.

Seine Radmomente für die Auszeit sind eine schöne Mischung aus Events und eigens geplanten Touren – aus Kilometern, die er allein bestreitet, und ein paar gemeinsamen Ausfahrten. Meist hat er zwei Tage zwischen den Touren, um nochmal durchzuatmen, dann geht’s wieder rauf auf den Drahtesel. Insgesamt ist er sehr zufrieden mit seiner Planung, die meisten Touren wird er umsetzen können. Lediglich ein paar Pläne muss er streichen.

Zum Eingewöhnen hat sich Tom die Töddenland-Tour ausgesucht. Über 120 Kilometer zum Einsteigen und Runterkommen. Nichts Aufregendes aber historisch Einzigartiges. Auch seine zweite Tour – von Trier nach Aachen – hat einen besonderen Charme. Städte und Natur wechseln sich hier ab und begeistern die Leser seines Blogs zum Nachfahren. Sich komplett allein auf die Wege einzulassen hat seinen Reiz, „man ist komplett bei sich und kann jeden Moment genießen,“ so Tom. Lediglich in den Brandenburger Wäldern und an einem verlassenen Flughafen wird ihm dann doch etwas mulmig zumute. Besonders beeindruckt hat Tom der Berliner Mauerweg, vor allem thematisch. Eine Tour, die er jedem politisch und geschichtlich interessierten Radler nur wärmstens empfehlen kann.

Sicher auch eine extreme Erfahrung ist der Rando Imperator – eine Alpenüberquerung der besonderen Art. Von München bis nach Bozen, über 300 Kilometer an einem Stück. Im Vorfeld sind bei Tom die Sorgen groß, ob er genug Power in den Beinen hätte, um durchzufahren, was er alles mitnehmen muss, ob er perfekt ausgerüstet sei. Und dann ist es schon so weit und er steht mitten in der Nacht mit seinem Rennrad und 200 anderen Radsportbegeisterten zusammen am Startpunkt. Jetzt heißt es für ihn Steigungen, Serpentinen, Asphalt, Schotter und vor allem eine abwechslungsreiche und atemberaubende Landschaft. In Bozen sind dann Freude und Wehmut ganz dicht beieinander: Tom schafft den Rando Imperator und muss sich von vielen anderen Radbegeisterten verabschieden, die erst in Ferrara am Ziel sind.

Im Shuttle von Bozen zurück gibt es dann noch eine Überraschung für Tom. Er kommt ins Gespräch mit einem Teilnehmer aus Reutlingen, der Toms Stimme aus seinem Podcast erkennt. Einige Monate zuvor hatte Tom über seinen Blog sein erstes eigenes Buch verlost. Nun sitzt er mit einem der Gewinner im Bus. Das Buch geht mit Freude an die Eltern des Gewinners, die zum Radeln ins Ruhrgebiet reisen.

Eins ist sicher: bei so vielen Rad-Momenten finden sich immer wieder Begeisterte zusammen, die ihre Leidenschaft zum Sport teilen, und etliche Kilometer zusammen bestreiten. Aus einigen dieser gemeinsamen Erfahrungen entwickeln sich oft auch tiefe Freundschaften. Begeistert erinnert sich Tom an den Super Berlin Express 747, ein Long-Distance-Cycling-Event, das die Teilnehmer von Hamburg nach Berlin und wieder zurück nach Hamburg führt. Ein Ereignis, bei dem Tom an seine Grenzen geht. Doch da muss er nicht allein durch – unterwegs trifft er Lisa. Zusammen mit Christoph bestreiten sie als Trio Kilometer um Kilometer, reizen ihre Grenzen aus und spornen sich gegenseitig immer wieder zu Höchstleistungen an. Tom kann es immer noch nicht fassen: „Es ist unglaublich beeindruckend dieses blinde Verständnis, welches man nur selten so in der Form findet.“ Einfach eine grandiose Fahrt, die viele Nerven, Entscheidungen und Radflicken kostet – im Gegenzug gibt es für die drei Radbegeisterten irre Erlebnisse, grandiose Eindrücke und einfach ein „persönliches Sommer-Märchen,“ schwärmt Tom.

Gemeinsam mit Lisa fährt er nach dem Super Berlin Express noch eine Tour von Dresden nach Prag, zum EMCC nach Italien und für diesen Dezember haben die beiden bereits eine Bikepacking-Tour rund um den Harz geplant. „Da ist eine richtige Freundschaft draus geworden, mit vielen gemeinsamen Kilometern auf dem Rad.“

Was bisher sein persönliches Highlight ist? „Das kann man gar nicht definieren. Jedes Erlebnis ist ein Highlight für sich – individuell und eigentlich gar nicht vergleichbar,“ so Tom. Zugegeben, eigentlich hat er sich ein Highlight sowieso bis zum Schluss aufbewahrt: Zusammen mit der Familie geht es zum krönenden Abschluss seines Sabbaticals dann noch für vier Wochen nach Hawaii. Natürlich gönnt er sich dort den wohlverdienten Urlaub, aber nicht ohne in die Pedale zu treten. Bei unserem Telefonat macht er sich schon Gedanken, wie er wohl mit der dünnen Luft auf den Vulkanen zurechtkommen wird und wie hoch er wohl überhaupt fahren könne.

Seine ausführlichen Eindrücke von Hawaii könnt ihr in Toms Blog nachlesen. Weitere Berichte seines Sabbaticals und viele weitere Radmomente zum neidisch werden und träumen teilt er regelmäßig auf seiner Webseite: https://bikingtom.com/

Nach knapp 24 Wochen und 4.000 zurückgelegten Kilometern fällt sein Fazit gewohnt bodenständig aus: „eine Auszeit – egal wie lang oder kurz – gönne ich jedem,“ so Tom. „Es ist einfach ein Stück Lebensqualität. Viele Stressfaktoren aus dem Alltag werden eliminiert.“ Es muss aber nicht unbedingt das Sabbatical sein, auch kleine Fluchten aus der Arbeitswoche haben bereits einen hohen Erholungsfaktor. Beispielsweise kann Tom es nur empfehlen, bewusst für ein (verlängertes) Wochenende zu verreisen und den Alltag hinter sich zu lassen. In kürzester Zeit kann so Urlaubsfeeling aufkommen. „Durch diese kleinen Oasen am Wochenende werden Erlebnisse geschaffen, die einem keiner nehmen kann.“

Keine Frage, Tom wird ganz bestimmt auch die nächste Chance ergreifen und definitiv nochmal eine ähnliche Auszeit nehmen. Die Ideen für weitere Touren werden ihm sicher nie ausgehen.

 

*Sabbatical: eine Freistellung von der Arbeit, die einmal in einem längeren Zeitraum gewährt wird (neben dem jährlichen Urlaub).

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